Eine Weihnachtsgeschichte besonderer Art spielt sich zur Zeit im Zoo von Upton-by-Chester in England ab. Zwar heisst die angehende Mutter nicht Maria, sondern Flora. Sie ist auch kein Mensch, sondern bloss ein Drache, genauer eine Komodo-Echse (Veranus komodoeinsis). Aber auch Flora wird Mutter, ohne zuvor mit einem Partner des anderen Geschlechts zusammen gewesen zu sein. Ein kleines Wunder für die Zoologen, da ungeschlechtliche Fortpflanzung beiden bis zu drei Meter messenden Komodo-Echsen noch nie beobachtet werden konnte.
Bis eben jetzt. Der Biologe Phillip C. Watts von der Universität Liverpool berichtet in der jüngsten Ausgabe von «Nature», wie Flora ohne Zutun eines Männchens guter Hoffnung wurde. Flora ist eine Vertreterin der grössten bekannten Echsenart, weltweit leben in Indonesien bloss noch etwa 1000 geschlechtsreife Weibchen, in Europa ist sie gar die einzige ihrer Art.
Und Flora ist wie gesagt Jungfrau. Trotzdem legte sie vergangenen Mai im Chester Zoo elf Eier. Die Wärter brachten das Gelege für alle Fälle in einen Brutkasten, und harrten der Dinge. Neun Monate dauert es normalerweise, bis aus befruchteten Komodo-Eiern kleine Drachenschlüpfen. Eine Überraschung erlebten die Biologen aber bereits, als drei Eier zerbrachen, sie enthielten eindeutig Embryo-Gewebe. Mehr noch: Ein genetischer Fingerabdruck ergab, dass Flora tatsächlich zugleich Mutter und Vater ihrer Nachkommen ist. Diese sollen übrigens rechtzeitig zu Weihnachten schlüpfen.
Auch sonst ist die Geschichte von der Drachenmutter mehr als bloss zoologische Kuriosität. Zumindest für die Ureinwohner der Insel Komodo. Die erzählten sich, eine wunderschöne Sagengestalt habe vor Urzeiten Zwillinge zur Welt gebracht. Der eine war ein Komodo-Drache, der andere ein Menschenkind, der Stammvater aller Inselbewohner. Mit ein Grund, sich vor Drachen nicht zu fürchten …