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Kleider machen Leute

oder: Was dich nicht umbringt … «Down under» haben sie zwar nie gejagt, die Neandertaler. Aber jetzt legt ausgerechnet ein australisches Forscherteam um den Archäologen Ian Gilligan eine neue Theorie vor, weshalb der einst in unseren Breiten heimische Altmensch aussterben musste: Er war laut Gilligan und Kollegen zu wenig gut im Umgang mit Nadel und Faden (oder vielmehr Knochenspitze und Sehne). Homo sapiens neanderthalensis hatte demzufolge nie gelernt, sich wärmende Kleidung zurechtzuschneidern. Das spielte über 100 000 lang Jahre keine Rolle, denn der Neandertaler war von Natur aus recht kälteresistent. Ihm konnten auch die kalten Jahreszeiten nicht viel anhaben, schreibt Ian Gilligan in «World Archaeology» (Bd.39, Nr.4). Doch als vor etwa 30 000 Jahren die Eiszeit allen Ernstes über ihn hereinbrach, waren die Neandertaler verloren. Nur in Felle gehüllt, waren sie und er der Kälte schutzlos ausgeliefert. Und um jetzt noch schnell die Kleidermode zu ändern, blieb keine Zeit mehr.

Demgegenüber war der moderne Mensch laut den australischen Archäologen schon immer ein «Gfrörli» gewesen und musste ausgeklügelte Strategien entwickeln, um unsere Breiten überhaupt besiedeln zu können. Unter anderem erlernte Homo sapiens sapiens bereits vor etwa 90 000 Jahren, also lange vor dem Höhepunkt der Eiszeit, das Schneiderhandwerk: die Fähigkeit, mit Steinklingen und Knochenspitzen Tierhäute zu Kleidungsstücken zusammenzufügen, die den Körper optimal umschlossen und so warm hielten. Und als es dann richtig kalt wurde, zog unser Vorfahre einfach noch eine zusätzliche Kleiderschicht über.

So gesehen wurde dem Neandertaler ausgerechnet dessen Stärke, die Kältetoleranz, zum Verhängnis. Und der Homo sapiens sapiens obsiegte, weil er im Grunde genommen ein Warmduscher ist. Heisst es doch: Was dich nicht umbringt, macht dich stark.

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