Nordeuropa bleibt vorläufig verschont vom ewigen Eis
Befürchtungen, wonach die Wasserzirkulation im Atlantik wegen des globalen Klimawandels schon bald zum Erliegen kommen könnte, wurden bis jetzt nicht bestätigt. Der Golfstrom dürfte den Nordeuropäern also erhalten bleiben.
Wenn auf den britischen Kanalinseln Palmen wachsen und Norwegens Westküste meist eisfrei bleibt, so ist dies dem Golfstrom zu verdanken, der warmen Meeresströmung, die sich zwischen Florida und den Bahamas-Inseln durchzwängt und das Klima entlang der US-Ostküste bis ins nördliche Europa bestimmt. Nun ist der Golfstrom seinerseits Teil eines grösseren Strömungskomplexes, der atlantischen Umwälzbewegung (Atlantic Meridional Overturning Circulation, Amoc). Sie ist ein riesiges Umverteilungssystem für Wasser und Wärme: Warmes Wasser strömt an der Meeresoberfläche gen Norden, kühlt sich auf dem Weg ab, wird dichter, sinkt auf den Meeresboden und wird wieder Richtung Süden transportiert. An die 20 Millionen Kubikmeter Wasser werden solcherart pro Sekunde umgewälzt, und die Wärmetransport-Kapazität wird auf fünf Peta-Watt geschätzt, dies entspricht ungefähr der thermischen Leistung von einer Million grosser Kernkraftwerke. Diese imposante Maschinerie wird in Bewegung gehalten durch das Temperaturgefälle im Wasser und durch Dichteunterschiede, die durch Schwankungen des Salzgehalts resultieren.
Spätestens seit die globale Erderwärmung ein Thema geworden ist, beunruhigt die Frage, ob und wie Veränderungen des Weltklimas auch Amoc aus den gewohnten Bahnen werfen könnte. Tatsächlich hatten erste Schätzungen ergeben, dass sich die atlantische Umwälzbewegung in den vergangenen zehn Jahren um rund 30 Prozent abgeschwächt haben könnte. Würde sich dieser Trend bestätigen und vor allem in die Zukunft fortschreiben lassen, müsste dies – einmal abgesehen von den direkten Folgen der Erderwärmung – gewaltige Folgen haben für das lokale Klimageschehen im Einflussbereich des Golfstroms.
Allerdings beruhten die Szenarien über die Dynamik von Amoc bisher bloss auf punktuellen Messungen. Um verlässliche Aussagen zu machen über die Aktivität der atlantischen Umwälzbewegung brauchts jedoch Daten über einen längeren Zeitraum. Die können seit dem Jahr 2004 gewonnen werden. Damals wurde von Florida zu den Bahamas-Inseln hinüber ein Kabel mit Sensoren verlegt und von dort quer über den Atlantik bis vor die afrikanische Küste 22 Messstationen auf dem Meeresboden verankert – übrigens mit ausgedienten Eisenbahnrädern. So entstand entlang des 26. Breitengrades eine ununterbrochene Reihe von Messpunkten, mit denen die Druckschwankungen in den Wassersäulen über den Messpunkten und damit indirekt auch die Gesamtzirkulation des Atlantikwassers ermittelt werden können.
In der heutigen Ausgabe von «Science» sind nun die Ergebnisse der ersten einjährigen Messkampagne publiziert. Am Projekt, das unter der Bezeichnung Rapid/Mocha läuft, ist eine ganze Reihe Wissenschafter beidseits des Atlantiks involviert. Diesmal sind es britische Ozeanographen um Stuart A. Cunningham, die ihren Bericht vorlegen. Und der lässt aufhorchen. Ziemlich genau bestätigt wurde zwar das bisher geschätzte Umwälzvolumen von Amoc: 18,7 (plus/minus 5,6) Millionen Kubikmeter Atlantikwasser pro Sekunde. Überrascht hat hingegen die weite Streuung der Messresultate innerhalb eines Jahres, sie reicht von vier bis 34,9 Millionen Kubikmeter, variiert also ums Achtfache.
Damit erscheinen die Berichte, die atlantische Umwälzbewegung habe sich bereits um 30 Prozent abgeschwächt, in einem neuen Licht. Ein solcher Trend könnte wegen der beobachteten grossen zeitlichen Schwankungen der Wasserverfrachtung im Atlantik erst aufgrund von jahrelangen Messreihen des Rapid/Mocha-Programms bestätigt – oder widerlegt – werden, kommentiert der australische Meeresforscher John A. Church die Arbeit seiner britischen Kollegen. Und plädiert dafür, ein analoges Messsystem für Wasserverfrachtungen auch im südlichen Atlantik einzurichten. Denn damit liesse sich ein effizientes und relativ kostengünstiges Instrument einrichten zur Erforschung eines wichtigen Elements im globalen Klimageschehen.