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Finger auf dem rechten Fleck

«Musizieren heisst zuerst einmal, den richtigen Finger im richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort zu setzen», pflegte mir die Geigenlehrerin einzubläuen. Leicht gesagt. Denn woran die meisten Laien scheitern, bringt auch manchen Virtuosen zur Verzweiflung, wenn der eine oder andere Finger nicht mehr tun mag, was doch jahrelang eingeübt worden war. «Fokale Dystonie» oder Musikerkrampf wird das Phänomen genannt. Es ist zwar in vielen Berufsgruppen anzutreffen (auch bei Schreiberlingen), am häufigsten jedoch unter Pianisten, etwa drei von Tausend leiden am Karriere-Killer.

Auch Berühmtheiten. «Der dritte (Finger) scheint wirklich uncorrigible …» vertraute etwa Robert Schumann am 22. Mai 1832 seinem Tagebuch an. Heute weiss man, dass es sich bei der heiklen Bewegungsstörung um eine Kommunikationspanne zwischen zentralem Nervensystem und Muskel handelt. Als Folge werden Beuge- und Streckmuskeln eines Fingers gleichzeitig aktiviert, sodass im Extremfall dann gar nichts mehr geht. Doch auch mildere Formen der Fokalen Dystonie können beim Musizieren sehr störend wirken. Setzt doch das virtuose Instrumentalspiel ein Höchstmass an feinmotorischer Präzision voraus, das sich im Grenzbereich des physiologisch überhaupt Möglichen bewegt. Und das Kontrollorgan, das Gehör, ist unerbittlich. Bereits zeitliche Ungenauigkeiten im Bereich von drei Millisekunden werden registriert – vom Musiker selber und vom Publikum.

Die Aussicht auf Heilung ist ungewiss. Der Neurologe Eckart Altenmüller, Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin in Karlsruhe*, diskutiert zwar in der deutschen Medizinischen Wochenschrift (Nr. 18) einige Therapieansätze. Demnach können Botulinumtoxin, Änderung der Spieltechnik und Modifikationen am Instrument die Symptomatik verbessern. Doch nutzt dem Musiker eine Fast-Heilung nicht viel: Schon eine Rest-Behinderung von wenigen Prozenten entscheidet zwischen Weltklasse und Mittelmass.

Der Musikmediziner empfiehlt daher den betroffenen Virtuosen, den Beruf zu wechseln. Eben dies hat ja auch Robert Schumann getan, er gab die Pianistenkarriere auf und konzentrierte sich fortan aufs Komponieren. Da haben Schreiberlinge es leichter: Wir können immer noch ins Zweifinger-System zurückfallen.

http://www.immm.hmt-hannover.de

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