Von der Schwierigkeit, den Spermien das Handwerk zu legen
Zwar zeigen sich laut Meinungsumfragen 60 Prozent der Männer interessiert an einer Verhütungspille. Die Begeisterung sinkt aber rasch, sobald das Wort «Spritze» fällt. Sorry, starkes Geschlecht, eine Spritze wird’s wohl sein, wenigstens zu Beginn. Eine legitime Forderung: Auch Männer sollen ihren Beitrag leisten zur Familienplanung. Nur, so einfach ist das nicht. Bei der Frau muss «bloss» jeden Monat die Heranreifung und Ovulation einer einzigen Eizelle blockiert werden, um Nachwuchs zu verhindern. Beim Mann dagegen hat man es mit einer Tagesproduktion von 70-100 Millionen Spermien zu tun, die unter Kontrolle gebracht werden wollen. Mit der Benutzung von Kondomen, dem coitus interruptus oder zeitweiliger Enthaltsamkeit stehen dem Mann zwar einfache und schmerzlose Methoden zur Verfügung, eine ungewollte Vaterschaft zu vermeiden. Offenbar werden diese Techniken aber zu wenig konsequent angewandt, sonst wäre – laut Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO – nicht weltweit die Hälfte aller Schwangerschaften ungewollt. Und es müssten nicht jährlich 200 000 Frauen den unsachgemässen Versuch, eine Schwangerschaft abzubrechen, mit dem Leben bezahlen.
Der gängigste und sicherste Weg, einen Mann zeugungsunfähig zu machen, ist die Vasektomie. Dabei werden die Samenleiter durchtrennt, das Ejakulat enthält dann keine Samenzellen mehr und eine Vaterschaft wird verunmöglicht. Gleichzeitig bleibt aber die Testosteron-Produktion in den Hoden erhalten. Libido und Gesundheit des Mannes werden nicht gefährdet. «Weltweit 60 Millionen Männer haben sich bereits dieser Prozedur unterzogen, das entspricht etwa der Zahl der Pillennutzerinnen.» Global gesehen könne man also nicht sagen, die Männer würden nichts beitragen zur Familienplanung, sagt Susan Zeun. Sie arbeitet als Gynäkologin und Andrologin bei der Pharmafirma Schering und orientierte vergangene Woche über den Stand neuer Verhütungsmethoden für Frau und Mann. Um bei den Männern zu bleiben: Die erwähnten Vasektomien seien hauptsächlich in China und Südamerika populär, weil die Antibaby-Pille einfach zu teuer sei für die dortige Bevölkerung.
«Ein grosser Nachteil der Vasektomie: Sie ist zwar eine sichere Methode zur Verhinderung von Nachwuchs, aber leider nur schwer rückgängig zu machen», sagt Susan Zeun. Das Problem sei somit, dass die den Männern heute zur Verfügung stehenden Methoden zur Familienplanung entweder endgültig sind oder relativ unsicher.
Das könnte sich in den nächsten paar Jahren ändern. Gegenwärtig laufen Versuche mit 350 Männern, die Spermienproduktion auf hormonellem Weg zu stoppen. Dabei wird den Probanden ein Gestagendepot in den Oberarm eingepflanzt. Das Gelbkörperhormon wird kontinuierlich ins Blut abgegeben und bewirkt über Umwege, dass die Testosteronausschüttung und somit auch die Spermienbildung in den Hoden praktisch gestoppt werden. Nun hat aber das Testosteron im Körper des Mannes noch viele weitere Aufgaben. Ohne das Hormon werden Knochengesundheit, Muskelkraft und Libido in Mitleidenschaft gezogen, woran weder Mann noch Frau eine Freude hätten. Daher wird den Probanden alle drei Monate eine Spritze mit dem männlichen Sexualhormon verabreicht. Die Kunst ist nun, den Testosteronspiegel im Blut niedrig genug zu halten, um die Spermienzahl unter dem kritischen Wert von einer Million pro Milliliter Ejakulat zu halten, aber doch so hoch, dass keine gesundheitlichen Schäden wegen Hormonmangels auftreten.
Allerdings gibt’s auch hier einen Haken: Da die Produktion einer Samenzelle etwa 70 Tage dauert, muss Mann sich entsprechend lange gedulden um sicher zu sein, dass das Ejakulat frei ist von zeugungsfähigen Spermienmengen. Umgekehrt dauert es dann auch über zwei Monate, bis der Mann nach Entfernung des Gestagen-Implantats wieder Vater werden kann. Für «One night stands» taugt die hormonelle Verhütung beim Mann somit nicht viel, könnte aber bei in fester Beziehung lebenden Paaren durchaus eine Alternative zur Pille für die Frau werden.
«Voraussichtlich im Jahr 2010 wird das System Gestagen/Testosteron zur Verfügung stehen», hofft Susan Zeun. Sie konnte aber auch über einige nicht-hormonelle Ansätze berichten, die in ihrer Forschungsabteilung zur «männlichen Verhütung» erprobt werden. So wird etwa die Möglichkeit geprüft, in den Reifeprozess der Spermien auf dem Weg zum Ei einzugreifen. Konkret geht es darum, das Enzym zu blockieren, das die Verschmelzung der Plasmamembran des Spermienkopfs mit derjenigen des Eis erst ermöglicht. Laut Susan Zeun werden bereits erste Versuche am Menschen nach diesem Prinzip durchgeführt und die Markteinführung könnte ebenfalls in etwa vier Jahren erfolgen.
Noch in einem «frühen Entwicklungsstadium» steckt dagegen eine Idee, welche die Firma Schering gemeinsam mit der University of Virginia weiter verfolgt. Dabei handelt es sich um ein Gel, das mit Antikörpern gegen Spermien versetzt ist und in die Vagina eingeführt wird. Treffen Spermien auf das Gel, heften sich die Antikörper an die Spermienköpfe und die Samenzellen verklumpen, statt sich auf die lange Reise zum Ei aufzumachen.
Doch wenn schon die Immunologie auf den Plan gerufen wird, weshalb nicht gleich einen Impfstoff gegen die Spermien entwickeln? Dies fragten sich Michael O. Rand und Kollegen von der University of North Carolina. Vor zwei Jahren berichteten die Amerikaner über erste Erfolge ihrer Impf-Idee. Sie hatten neun Affen alle drei Wochen das menschliche Protein Eppin injiziert, das in der Spermien-Membran sitzt. Prompt entwickelten immerhin sieben der neun Versuchstiere derart heftig Antikörper gegen Eppin und damit gegen die eigenen Spermien, dass diese komplett aus dem Verkehr gezogen wurden. Ob das auch beim Menschen so funktionieren könnte, weiss man noch nicht. Vor allem ist noch ungewiss, ob der Impfeffekt reversibel ist. Nur fünf der sieben geimpften Affen konnten nach Absetzen der Impf-Injektionen wieder Nachwuchs erzeugen. Zwei blieben auf die Dauer steril, und das wollen wir ja nicht unbedingt.