archiv

Wissen und Medien

Was Wissenschaft in den Medien verloren hat

Dezember 2008

Wenn wir Wissenschaft verstehen

  • als Methode des Infragestellens,
  • als Disziplin, die sich auseinandersetzt mit dem, was denkbar ist und vielleicht auch machbar,
  • als Denkansatz, der die Frage stellt nach Ursprung und Wesen der Materie, der Pflanzen, Tiere und Menschen,

– wenn wir uns also einig sind, dass so verstandene Wissenschaft ein eminent wichtiger kultureller Prozess ist, dann ist wohl schwer zu bestreiten, dass die Medien insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften einen Vermittlungs-Auftrag haben. Schliesslich bestimmen und durchdringen Naturwissenschaften oder zumindest die technische Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse unseren Alltag. Und zwar nicht nur unseren, sondern auch denjenigen der künftigen Generationen. Mit anderen Worten: Wissenschaft und Technik gehen alle etwas an, die heutige Generation und die noch folgenden. Daraus leitet sich die Pflicht der Medien ab, die Entwicklung von Wissenschaft und Technik mindestens so gründlich zu verfolgen und zu vermitteln wie die politischen Prozesse im Dorf und in der Welt, wie das Leben und Sterben der Lady Di, wie die Börsenkurse, wie die Finessen zwischen Ballett und Tanztheater oder wie das Wohl und Weh des Fussballklubs. Orientierungshilfe ist gefragt,

  • wenn zum Beispiel unser aller Handy plötzlich in Verdacht gerät, Krebs zu verursachen,
  • wenn der Fernsehabend seine Gemütlichkeit verliert ob dem Verdacht, dass jeder Bildschirm möglicherweise gesundheitsgefährdende Hochfrequenz-Strahlung abgibt,
  • wenn das bewährte Medikament gegen Heuschnupfen, Kopfweh, Rheuma oder was auch immer plötzlich wegen bisher unerkannter Nebenwirkungen vom Markt genommen wird,
  • wenn der Genuss unseres Lieblingskäses, von Rauchlachs, Salat usw. aus heiterem Himmel zum Infektionsrisiko erklärt wird,
  • wenn wie nach «Tschernobyl» der Strom aus der Steckdose über Nacht politisch unkorrekt fliesst, oder
  • wenn wieder einmal eine Volksabstimmung ansteht zu verzwackten Themen wie etwa Gentechnik, Stammzellenforschung oder Energiepolitik. «Science sells», sagen uns die Medienwissenschaftler.

Einige Medien haben den Mehr- sowie Unterhaltungswert durchaus erkannt, den Geschichten aus den Naturwissenschaften ihren Kunden bieten können. Sie setzen ihre Ressourcen dementsprechend ein. Zum Glück auch für uns Wissenschaftsjournalisten. Denn es ist spannend und macht Spass, über Wissenschaft und Technik zu schreiben

  • und zu lesen, so hoffe ich.

Ulrich Goetz

Über u.g.texte

Ich über mich: Nach 30 Jahren Redaktionsarbeit, davon 20 als Mitglied der Chefredaktion der Basler Zeitung, schliesst sich der Kreis: Ich bin wieder dort, wo ich vor bald 40 Jahren meine ersten journalistischen Sporen abverdient habe, beim Wissenschaftsjournalismus. Die dritte Phase in meinem Berufsleben bietet mir die Chance, mich wieder vermehrt den Themen anzunehmen, denen ich mich aufgrund von Neigung und Ausbildung immer besonders hingezogen fühlte. Es ist spannend zu verfolgen, was sich so alles tut in Naturwissenschaften und Medizin, von Nanotechnik bis Hirnforschung. Und eine grosse Herausforderung, des Pudels Kern in immer komplizierter werdenden Sachverhalten herauszuschälen und in einer Form darzubieten, die (so hoffe ich) mein Staunen weiter vermittelt. Die neue/alte Aufgabenstellung bringt es dank moderner Telekommunikation mit sich, dass ich mich jetzt in «Tele-Arbeit» üben – Arbeit und Hobby besser unter einen Hut bringen kann. Wer mich also vergeblich sucht auf meinem Stützpunkt am Totentanz sollte nicht verzagen, vielleicht bin ich ja in meinem schwimmenden Büro zu erreichen.

 

Ulrich Goetz · Totentanz 7 · Postfach 1520 · CH-4001 Basel · Telefon +41 79 257 87 61 · info@ugtexte.ch